Im "Dritten Reich" waren viele jüdische und politisch unliebsame Ärzte den Folgen der nationalsozialistischen Entrechtung und Verfolgung ausgesetzt. Auch für die bisher wenig beleuchteten, oft universitär besch
...show alläftigten Fachvertreter der Pathologie trifft dieser Befund zu: Etliche Pathologen verloren ab 1933 ihre Stellung, wurden persönlich diskriminiert, in die Emigration gezwungen oder gar in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Über Nacht büßten sie ihre Karriere ein und wurden ihrer Lebensperspektive beraubt. Nico Biermanns und Dominik Groß zeichnen die Lebensverläufe von 100 aus "rassischen" und/oder politischen Gründen entrechteten und verfolgten Pathologen nach - und holen sie so in das kollektive Gedächtnis der Wissenschaftsgemeinschaft und in die Geschichte des Fachs zurück.
Im Zentrum dieses Bandes stehen Selbstzeugnisse von Patienten, die in Tagebüchern, Krankenakten, Bittschriften, Autobiographien, Briefen, weit verstreuten Archivalien und in bildlichen Zeugnissen zu finden sind
...show all. Kaum eine Quellengattung führt historische und ökonomische Bedingungen so plastisch vor Augen wie die Niederschriften kranker Menschen. Zugleich stellen die oft unter Zwang und in prekären Lebenssituationen verfassten Dokumente hohe Anforderungen an ihre historische Auswertung. Abhängigkeiten und institutionelle Ordnungen lassen viele Selbstzeugnisse a priori unfrei erscheinen. Die Analyse der Verhältnisse, unter denen die Quellen entstanden, ermöglicht es, Sozialgeschichte aus dem Blickwinkel einzelner Individuen zu betrachten. Tatsächlich sind Patientendokumente weit öfter als erwartet Zeugnisse reflektierten selbstbewussten Handelns. Gerade im Angesicht der Krankheit bewahrten die Verfasser Autorität über die eigene Biographie.
Main subject of this volume is the history of psychiatric nursing . The contributors summarise the state of international research in this area - especially focussing on the relationship between the patient and
...show allthe nurse. The topics range from the "hospitalisation and dehospitalisation" of patients in mental asylums using the example of Norway and Canada to the issue of how nurses with deviant behaviour were managed in Switzerland. Furthermore, this edition discusses the role of nurses in conducting so-called "Heroic Therapies" in Canada and Germany, such as shock and fever therapies. One section also looks at the situation of patients in Scotland and Austria, including children, in the asylum or clinic and within their social environment. Nursing in Germany experienced a fundamental change in the 1970s; what kind of nurse training and education made possible this reform is the topic of the last part of this edition.
Wie wollen wir sterben? Diese Frage steht im Mittelpunkt zahlreicher Diskurse und Publikationen: Was ist ein 'guter Tod' für den individuellen Patienten, was versteht unsere Gesellschaft darunter? Welche 'Sterb
...show allekultur' hat die Gegenwart? Autoren aus Medizin, Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Geschichte, Ethik, Palliativmedizin, Hospizbewegung und weiteren Gebieten diskutieren im vorliegenden Band eine sinnvolle und menschenwürdige Gestaltung am Lebensende. Der Vorschlag der Herausgeber zu einer "Ars moriendi nova" als neue Sterbekultur wird interdisziplinär eingebettet und mit Bezug zur gesellschaftlichen Praxis erörtert.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Pflege von Patienten in den Krankenanstalten von verschiedenen Schwestern-, Bruder- bzw. Wartschaften übernommen. Um ein möglichst differenziertes Bild über den Pfl
...show allegealltag um 1900 zu bekommen, untersucht Anja Faber verschiedene Gruppierungen: Mit Hilfe der Personendaten zeichnet sie ein Sozialprofil der einzelnen Gruppierungen, das Eintritts- und Austrittsalter, schulische Bildung, Beruf des Vaters und ggf. berufliche Vorerfahrungen beinhaltet - ggf. ergänzt um die Verweildauer im Beruf und die Austritts- bzw. Kündigungsgründe. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Lebensbedingungen und -umständen sowie dem Arbeitsalltag. Beobachtungsprotokolle geben Einblick in Ausbildung und Tätigkeitsfelder. Einen besonderen Platz nimmt hierbei die Pflege in der Psychiatrie ein. Lange Arbeitstage, wenige Erholungsphasen und zunehmende Personalknappheit prägten den Arbeitsalltag ebenso wie eine unzureichende Bezahlung. Außerdem gab es Spannungen innerhalb und zwischen den Pflegegruppierungen, hier kamen auch geschlechtsspezifische Unterschiede zum Tragen. Den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges und der darauffolgenden Krisenzeit gilt ein gesondertes Kapitel.
Der Blick von Patienten auf das medizinische Versorgungsgeschehen in Deutschland zwischen 1992 und 2000 steht im Fokus dieser Untersuchung. Philipp Eisele analysiert rund 4500 Briefe von Menschen, die sich mit
...show allder Bitte um medizinischen Rat an eine Patientenorganisation für alternative Behandlungsmethoden wandten - und kann auf dieser Grundlage explizit auch die Sichtweisen von Nutzern alternativer Therapien herausarbeiten. Die Verfasser der Briefe werden dabei als Akteure aufgefasst, die durch ihre Entscheidungen bei der Inanspruchnahme der Angebote auf einem fragmentierten und individualisierten Gesundheitsmarkt das Gesundheitswesen aktiv mitgestalten können. Die Auswertung des Quellenmaterials erfolgt mit einem interdisziplinären Ansatz, der auf das Methodenrepertoire der Geschichtswissenschaften, der Soziologie sowie der Textlinguistik zurückgreift. So lassen sich Antworten finden auf die bis heute relevanten Fragen nach den Gründen für den wachsenden Stellenwert der Gesundheit, den steigenden Bedarf an Gesundheitsinformationen und die anhaltende Popularität der Alternativen Medizin.
Religion und Medizin stehen seit jeher in einer durchaus ambivalenten Beziehung: Der griechische Asklepioskult, germanische Quellheiligtümer, katholische Wallfahrtsorte oder protestantisch-pietistische Pastoral
...show allmedizin sind Ausdruck dieser Nähe zwischen Religion und Medizin. Die Autorinnen und Autoren greifen das auf und gehen von der Annahme aus, dass sich die Schwierigkeiten unserer Spätmoderne mit dem Thema "religiöse Heiler" - die in den Beiträgen implizit oder explizit angesprochen werden - vor ihrem geschichtlichen Hintergrund besser einordnen lassen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen im Gesundheitswesen ist ein frischer Blick auf religiös inspirierte Formen der Heilung höchst aufschlussreich - nicht nur, um diese zu analysieren, sondern geradezu als Lackmustest für unser Verhältnis zu den spezifischen Denkweisen der modernen Wissenschaft und Medizin.
Das Christentum wird meist als eine Religion der 'Lebensbejahung' präsentiert. In ihrer formativen Frühphase war die christliche Theologie jedoch massiv von manichäisch-weltablehnenden Ideen beeinflusst, die in
...show alldeutlichem Kontrast zum in der mosaischen Tradition durchaus vorhandenen 'Schöpfungslob' standen. Dieser Widerspruch prägte das Menschenbild der katholischen Kirche, auch deren Umgang mit Emotionalität und Gesundheit. Als Reaktion auf die Herausforderung der Reformation kam es im Katholizismus zu einer 'inneren Mission' zur Propagierung von Askese und Disziplin aller 'Gläubigen'. Die 'katholische Reform' betrieb dabei die Ausweitung der im Mönchtum schon lange elaborierten Postulate einer rigorosen Seelenführung - als engmaschige 'pastorale' Lenkung durch Obere einerseits, als permanente Selbstkontrolle des 'Frommen' andererseits. Die Forderung nach strikter Affektregulation nahm einen zentralen Stellenwert ein. Dies hatte weitreichende Folgen auch für die vom Klerus propagierten Vorstellungen von seelischer und leiblicher Gesundheit. Carlos Watzka erörtert die Ausgestaltung eines solchen geistlichen Diskurses der Diätetik der Affekte für den bayrisch-österreichischen Raum vom frühen 16. bis zum späten 18. Jahrhundert.
Viele Menschen in Deutschland wünschen sich ein schnelles und schmerzfreies Sterben. Doch dieser Wunsch trifft auf eine Wirklichkeit, in der lange Sterbeprozesse eher die Regel als die Ausnahme sind. Muss man u
...show allnter diesen Bedingungen erwarten, dass sich der Gedanke der "aktiven Sterbehilfe" als eine mögliche Lösung des Problems verbreitet? Umfrageergebnisse scheinen dies zu bestätigen. Die Einstellung der Bevölkerung zur Sterbehilfe ist bisher jedoch noch keiner differenzierteren empirischen Analyse unterzogen worden - ein Manko, das diese Untersuchung erstmals in umfassender wissenschaftlicher Weise behebt. Neben einer ethischen Analyse zu "Tod und Sterben" ermittelt Constanze Hübner nicht nur den Kenntnisstand der deutschen Bevölkerung hinsichtlich der Sterbehilfearten, sondern auch ihr Antwortverhalten bezüglich der Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe bei vorheriger Aufklärung. Die Ergebnisse dieser Studie widersprechen deutlich der Annahme, die deutsche Bevölkerung befürworte die aktive Sterbehilfe. Sie weisen vielmehr auf einen Wunsch der Menschen nach Palliativmedizin und einem guten Lebensende hin, das kein Töten auf Verlangen vorsieht.
Die Strahlenforschung hat das 20. Jahrhundert geprägt. Strahlen kamen in Wissenschaft, Medizin, Industrie und Rüstung zur Anwendung. Was waren die Entstehungsbedingungen und wer die Akteure dieser Schlüsseltech
...show allnologie? Welche Rolle spielte dabei die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), eine der einflussreichsten deutschen Wissenschaftsorganisationen? Unabhängig vom politischen System förderte die DFG das Bestreben, die Naturkraft der Strahlen zu bändigen, zu steigern und nutzbar zu machen. Ob es um die Krebsbekämpfung, die UV-Bestrahlung von Stadtkindern, die Erzeugung von radioaktiven Stoffen, das nationalsozialistische Atomprogramm, den Strahlenschutz im Kalten Krieg oder die Entstehung der Molekularbiologie aus dem Kapital des Atomzeitalters ging - die Geschichte der Strahlenforschung deckt eine weitgehend unbekannte Seite der DFG auf: die Entwicklung der DFG zu einer bio- und risikopolitischen Institution.
Die Suizidrate der männlichen Bevölkerung in der Bundesrepublik liegt dreimal höher als die entsprechende Rate der weiblichen Bevölkerung. Dies ist kein Spezifikum des 21. Jahrhunderts, sondern auch im letzten
...show allDrittel des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag in der deutschen Bevölkerung der Anteil der Suizide der Männer immer über dem der Frauen. Anhand der Berufsgruppen der Seeleute und der Militärangehörigen geht Nicole Schweig der Frage nach, welche Aspekte der Kategorie Männlichkeit im Kontext mit Suizid in den Vordergrund traten. Sowohl in der Seefahrt als auch beim Militär waren zu dieser Zeit fast ausschließlich Männer beschäftigt. Das Gleiche gilt für die Institutionen, die einen durchgeführten Suizid untersuchten. Wie wurde eine solche Tat von den Untersuchungsbehörden wahrgenommen, verhandelt und gegebenenfalls erklärt? Wie reagierten die Angehörigen? Welche Positionen des öffentlichen Diskurses sind in den Darstellungen der Akten der Untersuchungsbehörden und in den Erklärungsversuchen der Familien wiederzufinden? Das Schiff oder der Stationierungsort der Soldaten war für die Männer Arbeitsplatz und temporärer Wohnort gleichermaßen. Welchen Einfluss diese Lebensumstände auf die Entscheidung der Suizidenten hatten, legt die Autorin dar, indem sie mit Polizeiakten, die Suizide in der zivilen Bevölkerung untersuchten, einen dritten Quellenkorpus berücksichtigt.
Die Planung und Durchführung der Krankenmorde zur Zeit des Nationalsozialismus ist ein seit Jahrzehnten intensiv erforschtes Thema. Weniger dezidiert hat sich die historische Forschung bisher jedoch mit den Tät
...show allern beschäftigt. Verena Christ stellt vier Ärzte in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung, die sich 1949 in Tübingen im sogenannten "Grafeneck-Prozess" - benannt nach der gleichnamigen Vernichtungsanstalt in Württemberg - für den Mord an über 10.000 "Gemeinschaftsfremden" verantworten mussten. Christ untersucht, ob sich anhand der verfügbaren Prozessunterlagen ein bestimmter Typus von "Euthanasie"-Arzt identifizieren lässt. Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den vier Ärzten, die den tausendfachen Mord an ihren Patienten aktiv unterstützten? In welchen Situationen zweifelten sie an ihren Handlungen? Wann retteten sie Patienten oder zeigten sich mitverantwortlich am Krankenmord? Die Autorin legt dar, mit welchen apologetischen Strategien die vier Angeklagten ihr Handeln später zu rechtfertigen versuchten und ordnet dies in den zeitgeschichtlichen Kontext ein. Zudem zeigt sie, welchen Einfluss das milde Urteil auf die Spruchkammerverfahren (Entnazifizierungen) der vier Ärzte hatte und gibt Einblicke in das Leben der Mediziner nach dem Prozess.
Der demografische Wandel und die mit ihm einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen werden seit Jahren diskutiert. Der wachsenden Zahl der Menschen, die Rente beziehen werden, stehen immer weniger beitrags
...show allpflichtige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegenüber, während der Pflegeaufwand für die immer zahlreicher werdenden älteren Menschen steigen wird. Die Gesellschaft als Ganzes steht deshalb vor enormen Herausforderungen: Wie begegnen wir diesen Veränderungen? Wie werden alte und hochbetagte Menschen in Zukunft leben? Dieser Band vereint die Perspektiven von Experten, die sich mit der Pflege in Theorie und/oder Praxis beschäftigen. Die Autorinnen und Autoren zeigen neue Ergebnisse aus der (pflege)wissenschaftlichen Evaluation auf und präsentieren historische und gegenwärtige Entwicklungen. Die ethische Bewertung von altersgerechten Assistenzsystemen (AAL) rundet die Darstellung ab. Damit bietet der Band Praktikern und Wissenschaftlern einerseits neue Erkenntnisse für die Produktentwicklung von AAL und andererseits eine Antwort auf die drängenden aktuellen Fragen. Gleichzeitig setzen die Beiträge Impulse für die gesellschaftliche wie politische Diskussion und die Bewältigung des demografischen Wandels.
The early modern period saw a fundamental shift in the history of childbirth from midwifery as a traditional, largely female occupation to modern obstetrics. The seeds of this transformation were sown in the ci
...show allties, where municipal governments and their medical officials began reworking the often centuries-old systems of municipal midwifery. In Leipzig they overhauled midwife education and in the 1730s appointed a municipal man-midwife. But why all the commotion about midwifery? How 'novel' were these developments really? And how did all these changes affect the everyday work of the city's midwives? Drawing on a vast array of administrative sources, Gabrielle Robilliard explores the world of Leipzig's midwives and early man-midwives from 1650 to 1810. Employing a prosopographical approach, she illuminates in minute detail the occupational culture and structure of both official and unofficial midwifery within the city-including social and economic milieus, client networking practices, and inter- and intraprofessional rivalries-and examines the nature of the encounter between traditional practice and new ways of organising urban midwifery provision.
Tuberkulose wurde von den Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als die größte gesundheitliche Bedrohung wahrgenommen. Ärzte, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker suchten fieberhaft nach einer
...show allwirksamen Therapie der Erkrankung. Im Nationalsozialismus wuchs die Stigmatisierung der Kranken und der Druck, sich unsicheren Therapien zu unterziehen. Tuberkulosekranke wurden zwangsweise in Psychiatrien eingewiesen oder sogar Opfer des Krankenmordes. Die SS organisierte in mehreren Konzentrationslagern groß angelegte Menschenversuche zur Erprobung von Tuberkulosemedikamenten. In dieser Studie untersucht Christine Wolters die Versuche im Konzentrationslager Sachsenhausen ¿ die Hintergründe, das Netzwerk von Tätern, deren Biografien und die Vermarktung des Medikaments.
Die Geschichte der Urologie im Nationalsozialismus lässt sich als eine Geschichte des Austauschs von Ressourcen zwischen Medizin und Politik beschreiben. Im Gegenzug für ihr politisches Wohlverhalten erhielten
...show alleinzelne Ärzte Positionen an Universitäten, Krankenhäusern und in der Gesundheitsverwaltung. Das Engagement der Fachgesellschaft im Sinne der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik wurde mit einer Stärkung der institutionellen Stellung der Urologie belohnt. Im Fokus der Arbeit stehen die verschiedenen urologischen Fachgesellschaften in Deutschland, darunter die 1906 gegründete Deutsche Gesellschaft für Urologie, die 1934/1935 gegründete Gesellschaft Reichsdeutscher Urologen und die Nachkriegsfachgesellschaft, deren Entwicklung bis in die 1950er Jahre verfolgt wird. Für die Zeit des Nationalsozialismus untersucht Matthis Krischel die Orientierung von ärztlicher Forschung und Praxis in der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik, die sich zugleich als Rassen- und Bevölkerungspolitik darstellte. Für die Nachkriegszeit beleuchtet der Autor den Umgang der Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit sowie personelle und institutionelle Kontinuitäten und Brüche.
Der Nervenarzt Dr. med. Dr. phil. Robert Ritter (1901-1951) avancierte als Leiter der "Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Dienststelle" am Reichsgesundheitsamt in Berlin zum führenden nationalsozia
...show alllistischen "Zigeunerexperten" und erlangte als Chefideologe und Mitorganisator des Vernichtungsfeldzugs gegen die Sinti und Roma traurige Berühmtheit. Welche intellektuellen und biographischen Wege ging dieser Mann, der zeitlebens die Berufungsidee des Dienstes für die "Sache der Jugend" für sich reklamierte? Was führte den interdisziplinär gebildeten erklärten "Jugendarzt" in die inneren Zirkel der NS-Rassenpolitik? Untersuchungsschwerpunkt sind auch die Tübinger Jahre Ritters (1932-1936) und die kritische Analyse seiner hier entstandenen und 1937 erschienenen Habilitationsschrift "Ein Menschenschlag", die ihm zum Karrieredurchbruch verhalf. Wie fasste Ritter im Nachkriegsdeutschland beruflich wieder Fuß? Mit der Rekonstruktion der erfolgreichen Nachkriegskarriere im öffentlichen Dienst der Stadt Frankfurt wird die stilisierende Neuerfindung Ritters kritisch ausgeleuchtet. Wie gelang es ihm, der tief in die NS-"Zigeunervernichtung" verstrickt war, sein ärztliches Selbstbild zeitlebens in ungebrochener Kontinuität zu entwerfen?
Das Krankenhaus ist ein Ort, in dem rationale und funktionale, auf Heilung der Patienten ausgerichtete Zielvorstellungen mit den subjektiven und individuellen Erfahrungshorizonten der Personen, die in ihm arbei
...show allten, heilen, leiden und sterben, zusammentreffen. Es ist demnach ein Ort, der in hohem Maße von architektonischen, technischen und wissenschaftlichen Konzepten genauso wie von kulturellen, politischen, sozialen aber auch geografischen Einflussgrößen geprägt ist. All diesen Komponenten ist gemein, dass sie auf räumlicher Ebene wirken. Die Autoren des Bandes greifen diesen spatialen Fokus auf und erreichen durch die ihrer jeweiligen Disziplin eigene Perspektive und eine Vielzahl methodischer Zugänge einen interdisziplinären Blick auf das Krankenhaus als Mikrokosmos medikaler Kultur. Das Buch versammelt Beiträge aus der Architektur, der Raumdesignforschung, der Medizin-, Sozial- und Kulturgeschichte, der Soziologie, der Ethnologie und den Medienwissenschaften. Diese 'Verortungen des Krankenhauses' ermöglichen einen erklärenden Blick hinter die klinischen Raumvorstellungen, die das Krankenhaus bis heute prägen.
Von allen nordamerikanischen heilkundlichen Subkulturen haben es in den letzten 100 Jahren nur Chiropraktik und Osteopathie erfolgreich über den "Großen Teich" geschafft. Während die Osteopathie aber in einer N
...show allische verharrt, schaffte es die chiropraktische Technik von einer kleinen Randgruppe innerhalb der Heilpraktikerschaft in die medizinische Orthodoxie hinein. Nach 1945 verwandelten interessierte Chirurgen und Internisten die von Laien dominierte Chiropraktik in die heute anerkannte "Manuelle Medizin". Gleichzeitig professionalisierten sich die Heilpraktiker ebenfalls - während parallel die nordamerikanische Chiropraktik im antibiotischen Zeitalter beinahe vom medizinischen Markt verdrängt wurde. Entscheidende Impulse erhielten die westdeutschen Ärzte mitten im Kalten Krieg aus der CSSR. Auch in der DDR gelang es den Anhängern einer "manuellen Therapie" zu reüssieren. Erstmals wird mit diesem Band die Geschichte manueller Therapien im Spannungsfeld zwischen Ärzteschaft, Heilpraktikern, Patienten und amerikanischen Wegbereitern vorgestellt.
Die Forschungslandschaft zur DDR hat sich im letzten Jahrzehnt stark verändert - eine dichotome Interpretation hat einer differenzierteren Betrachtungsweise Platz gemacht. In diesem Trend hat sich auch eine neu
...show alle Art der Sozialgeschichte des Gesundheitswesens der DDR entwickelt. Die Autorinnen und Autoren haben es sich zur Aufgabe gemacht, einige dieser neuen Wege darzustellen und nehmen ganz bewusst unterschiedliche Akteure innerhalb des ehemaligen sozialistischen Gesundheitssystems in den Blick. Die Beiträge befassen sich mit der Selbstorganisation von Gehörlosen, Initiativen von Alkoholabhängigen und den Eingaben von Patienten zur Verbesserung ihrer individuellen Lage. Neben der Patientengeschichte stehen außerdem Dynamiken des Arzt-Schwester-Patient-Verhältnisses und Medikamentenversuche in der Psychiatrie sowie die Professionalisierung der Krankentransporteure und der Akteure der Gesundheitsaufklärung in der DDR im Fokus. Ziel ist es eine differenzierte Analyse der Alltagserfahrungen von Patienten und dem medizinischen oder staatlichen Personal im ehemals sozialistischen Staat zu erreichen.
Werner R. Leibbrand (1896-1974) war Arzt, Medizinhistoriker und Musiker. Seine Vita spiegelt Epochen von Kaiserzeit und Weimarer Republik über Nationalsozialismus bis zur BRD. Er praktizierte als Nervenarzt in
...show allBerlin und kannte die Intellektuellen- und Theaterszene der Hauptstadt seit den "Roaring Twenties". Leibbrand war polyglott und international hoch geschätzt. Als Nazi-Gegner wurde er drangsaliert, im Zweiten Weltkrieg nach Bayern zwangsversetzt und musste schließlich sogar mit der jüdischen Ehefrau in einer "Odyssee" 1944 untertauchen. Nach dem Krieg wurde Leibbrand Leiter der Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen, gründete dort das Universitätsseminar für Medizingeschichte und war der einzige deutsche Sachverständige im Nürnberger Ärzteprozess. 1953 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizingeschichte in München und wirkte mit großer Kreativität bis ins hohe Alter. Leibbrands Biographie zeigt seine vielfältigen Lebenswelten wie auch besondere "Listen", die ihn bei existenziell-gefährlichen Situationen bestehen ließen. Die kommentierte Edition seiner Vita bringt viele unbekannte Seiten und Bilder einer faszinierenden Persönlichkeit sowie Beiträge zu seinem Nachwirken.
Berlin-Buch ist seit fast 90 Jahren ein Zentrum der biomedizinischen Forschung in Deutschland. 1930 siedelte sich hier das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung (KWIH) an, das mit seinem Programm interdiszi
...show allplinärer Neurobiologie international wegweisend, aber auch beispielhaft für die Selbstmobilisierung medizinischer Wissenschaft im NS-Staat war. 1947 wurde in den Gebäuden des KWIH das Institut für Medizin und Biologie (IMB) der Deutschen Akademie der Wissenschaften gegründet, das schrittweise zum Mittelpunkt der biowissenschaftlich-medizinischen Forschung in der DDR ausgebaut wurde. Die Entwicklung dieses multidisziplinären Institutskomplexes spiegelt die grundsätzlichen Merkmale und Probleme des realsozialistischen Wissenschaftssystems ebenso wider wie den Wandel von Konzepten und Praktiken auf wesentlichen Feldern der experimentellen Biologie und der klinischen Medizin. Bernd Gausemeier verfolgt anhand der Geschichte des Wissenschaftsstandortes Buch die Wechselbeziehungen von Wissenschaft und Politik in drei politischen Systemen sowie globale Entwicklungstendenzen der Lebenswissenschaften im 20. Jahrhundert.
Verschiedene Perspektiven der Psychiatriegeschichte zusammenzuführen - dieses Ziel haben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes zur Aufgabe gemacht. In ihren Beiträgen thematisieren sie die regionale Ebe
...show allne ebenso wie die nationale oder die globale, immer mit dem Blick auf die multipolaren Dynamiken zwischen Zentren und Peripherien. Hierzu gehören unter anderem die Beziehungen zwischen den Wissenszentren der Psychiatrie sowie transnationale Netzwerke der Akteure und deren wissenschaftliche Konzepte mit ihren medizinischen und therapeutischen Funktionen. Das Spannungsfeld zwischen globalen und lokalen psychiatrischen Praktiken findet in den einzelnen Beiträgen ebenso Beachtung wie ein Vergleich akademischer und nicht-akademischer Psychiatrie oder die Frage nach den Konsequenzen staatlicher oder privater Verantwortlichkeit für einschlägige Institutionen. Nicht zuletzt wird auch der Einfluss medizinischer Laien auf psychiatrische Lebenswelten untersucht. Die thematische Vielfalt der Beiträge findet ihre Entsprechung in den verschiedenen disziplinären Perspektiven, die dieser Band versammelt - von der Allgemeingeschichte, der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, der Empirischen Kulturwissenschaft, den Medienwissenschaften und der Museologie bis hin zur Kunstgeschichte, Architektur und Anthropologie.
Im Zuge des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wurden in Deutschland zwischen 1933 und 1945 schätzungsweise 360.000 Menschen zwangsweise sterilisiert. Welche menschlichen Schicksale spielten sich h
...show allinter dieser erschreckend großen Gesamtzahl ab? Was bedeutete die gerichtliche Anordnung einer Unfruchtbarmachung für das jeweilige Opfer? Welche körperlichen, aber auch psychischen Folgeschäden hatte die Durchführung des sterilisierenden Eingriffs? Frederic Ruckert geht diesen Fragen am Beispiel der in der Frauenklinik des Städtischen Krankenhauses und der Hebammenlehranstalt Mainz durchgeführten Zwangssterilisationen nach. Mit Hilfe aufgearbeiteter Briefe und Tagebucheinträge kommen einzelne Opfer selbst zu Wort, sodass die Auswirkungen der rassenhygienischen Gesetzgebung nicht nur aus geschichtlich-narrativer, sondern zusätzlich aus Sicht der Betroffenen selbst beschrieben wird. Der Band beschränkt sich somit nicht allein auf die statistische Deskription der in Mainz durchgeführten Unfruchtbarmachungen. Vielmehr liefert er einen Beitrag zur Etablierung einer medizinhistorischen Erinnerungskultur im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes.
Die Ansicht, Epileptiker seien im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit für besessen gehalten oder als Hexen verfolgt worden, ist heute ein weitverbreitetes Vorurteil. Die traditionelle Geschichtsforschung zur
...show allEpilepsie hat diesem bisher wenig entgegenzusetzen; sie konzentriert sich auf die Untersuchung des medizinischen Diskurses, ohne Fragen des zeitgenössischen Umgangs mit der Erkrankung und den Kranken aufzugreifen. Angela Schattners Studie stellt deshalb die Epileptiker selbst und deren Lebensumstände in den Mittelpunkt der Untersuchung. Auf der Basis teilweise neu erschlossener Quellen wie Bittschriften, Gerichtsakten und den Verwaltungsakten lokaler Armenfürsorge untersucht die Autorin, wie die frühneuzeitliche Gesellschaft die Epilepsie interpretierte, welche sozialen Folgen sich daraus für die Epileptiker ergaben, wie sie ihre Erkrankung zu bewältigen suchten und auf welche Institutionen der sozialen Fürsorge sie zurückgreifen konnten. Sie kann dabei einen ambivalenten Umgang mit den Betroffenen zeigen, die einerseits als hilfs- und schutzbedürftige Kranke wahrgenommen und andererseits als ansteckend stigmatisiert wurden.