Postkarten und Briefe waren für Soldaten im Ersten Weltkrieg die einzige mögliche Verbindung zur Heimat. So wurden zwischen 1914 und 1918 etwa 11 Milliarden Postsendungen an Familien und Freunde geschickt, oft
...show allauch aus dem Lazarett. Eine einmalige Sammlung von bisher unveröffentlichten Bildpostkarten aus dem Lazarett im Ersten Weltkrieg präsentiert dieses Buch. Die Motive sind vielfältig - Verwundete in Einzel- oder in Gruppenaufnahmen, mitunter gemeinsam mit Schwestern, Ärzten und Pflegern, in Zimmergemeinschaften, im Krankenbett, aber auch beim Essen und Trinken. Eindrucksvoll vermitteln die Karten bestimmte Einblicke in das Lazarettleben, das neben der Pflege und Behandlung von Kranken auch eine Art "Gemeinschaftsleben" umfasste, vom Kartenspiel und gemeinsamen Musizieren bis hin zum Lazarett-Theater. Die Botschaft der Absender ist immer die gleiche: "Ich bin noch am Leben, mir geht es gut" - auch wenn zwischen den Zeilen oft etwas anderes zu lesen war ... Wolfgang U. Eckart erschließt mit diesem Bildband - er umfasst ca. 300 Abbildungen von Postkarten - eine einzigartige, bisher wenig erforschte historische Quelle in ihrer sozial- und kulturhistorischen Bedeutung.
Obwohl sich der Großteil der jüdischen Überlebenden für die Auswanderung entschied, verblieb eine kleine Anzahl deutscher Juden im Land ihrer Verfolger - darunter viele ältere Menschen. In einigen westdeutschen
...show allStädten kam es daher bereits kurz nach Kriegsende nicht nur zur (Neu-)Gründung jüdischer Gemeinden, sondern auch zur Einrichtung jüdischer Altersheime. Diese boten sowohl den Überlebenden der Konzentrationslager als auch den aus der Emigration zurückgekehrten älteren Menschen Unterkunft. Nina Grabe unterzieht die Situation der Heime und der dort lebenden alten Menschen erstmals einer näheren Betrachtung: Wie gestalteten sich der Heimalltag und die Aufnahmemodalitäten? In welcher Weise wirkte sich die Verfolgungsgeschichte der Bewohner auf ihre körperliche und psychische Gesundheit sowie auf das Zusammenleben und die Beziehungen zu den Mitbewohnern und dem Personal aus? Legten die Heim-Leitungen Wert auf die Einhaltung religiöser Bräuche und Speisevorschriften? Wie konnte vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Mangels an Pflegepersonal die pflegerische und medizinische Betreuung der Heimbewohner gewährleistet werden?
Die Medizin ist nicht nur Technik oder Kunst, das Leben und die Gesundheit angesichts von Krankheit und Tod zu erhalten bzw. wiederherzustellen, sondern strebt eine Praxis der Lebensführung an, die mit der Unve
...show allrmeidbarkeit von Leiden und Sterben umzugehen lernt. Als meditatio vitae et mortis kann sie zu einem Feld der Reflexion über das Menschsein par excellence werden. Die zunehmenden Möglichkeiten von Anti-Aging, Plastischer Chirurgie und Enhancement stellen dabei die Fragen nach Grenzen einer humanen Heilkunde wieder neu, noch dazu, wenn - wie in transhumanistischen Utopien und kryonischer Praxis - die Möglichkeit der Verschiebung oder gar Überwindung menschlicher Endlichkeit in Aussicht gestellt wird. Medizin, Gesellschaft und Sterbekultur der Gegenwart müssen auf die Herausforderungen reagieren. In diesem Themenfeld liegt der Schwerpunkt des Bandes: Die Autoren reflektieren Endlichkeit und Unsterblichkeit in der Medizin aus historischer, philosophischer, sozialwissenschaftlicher wie auch ethischer Perspektive.
Eine gesündere, leistungsfähigere Menschheit zu schaffen schien angesichts neuester Ergebnisse der Evolutions- und Vererbungsforschung um 1900 erstmals machbar - und vor dem Hintergrund einer vermeintlich rasan
...show allten Degeneration der Bevölkerung dringlicher denn je. Prominente Sozialistinnen und Sozialisten waren überzeugt, dass der körperliche und psychische Verfall die Schlagkraft der Arbeiterbewegung bedrohte und zugleich die Abschaffung des Kapitalismus allein nicht genügen würde, um den Niedergang aufzuhalten. Birgit Lulay arbeitet heraus, wie sozialdemokratische Intellektuelle in Deutschland und Großbritannien sozialistische und frauenbewegte Forderungen nach ökonomischer und sozialer Gleichheit in ihre Eugenikkonzepte integrierten. Bezug nehmend auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bekämpften die Intellektuellen einerseits die dominierende rassistische, armenfeindliche, sozialdarwinistische Eugenik und trugen gleichzeitig zu einer weiteren Marginalisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen bei. Ihre Vorschläge für eine gezielte Fortpflanzungssteuerung reichten von Aufklärungskampagnen bis zu Zwangsmaßnahmen, darunter Sterilisation und Internierung.
Die (Re-)Präsentation des Unsichtbaren stellt ein klassisches Problem der Medizin dar, das bis heute nicht an Anziehungskraft verloren hat. Aus historischer Perspektive lautet dabei eine der zentralen Fragen, i
...show allnwiefern sich Produktion und Darstellung medizinischer Erkenntnis wechselseitig durchdringen. Gerade die urologische Technik, die zu den ersten medizinischen Gegenstandsbereichen zählt, die das Unanschauliche anschaulich gemacht haben, bietet sich hier als Untersuchungsfeld an. Nach einigen theoretischen Vorüberlegungen werden in diesem Band Darstellungsformen von Harnsteinen, die Bedingungen ihrer Sichtbarmachung und Entfernung sowie zuletzt ihre Repräsentationsformen im therapeutischen Kontext behandelt. Auf diese Weise wird die Vielfalt der Ansätze zur Bildgenerierung und die Macht der Bildproduktion an einem bisher in diesem Zusammenhang wenig beachteten pathologischen Objekt, den Harnsteinen und ihrer versinnlichten Anschauung, in Augenschein genommen und diskutiert.
Friedrich Meggendorfers erbhygienische Verwicklung beruhte auf einer Trias von eigenem wissenschaftlichen Interesse, positiver Verstärkung durch Karriereoptionen sowie früher akademischer Prägung. Sein Einsatz
...show allwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Stützung und Auslegung der NS-Gesetzgebung spiegelt eine dunkle Facette in der Vita Meggendorfers wider. Unter den Zwängen der NS-Politik setzte er seine Eugenik-Expertise nicht zum Stoppen der "Euthanasie" ein. In seinem breiten, auch fachübergreifenden medizinischen Interesse machte er sich um die Etablierung der Elektrokonvulsionstherapie in Deutschland verdient. Diese gilt auch heutzutage als die wirksamste antidepressive Behandlungsoption. Bei Meggendorfer zeigt sich eine Ambivalenz zwischen gesetzlichen Vorgaben, damaligen professionsethischen Standards und dem Streben nach persönlich christlich-moralischem Verhalten gegenüber dem einzelnen Patienten. Birgit Braun betrachtet aus kritisch-historischer Perspektive die damit verbundenen wissenschaftsethischen Herausforderungen.
Seuchen verloren seit den späten 1950er Jahren ihren Schrecken, denn neue Impfstoffe, verbesserte Hygiene und Antibiotika ließen sie als beherrschbar erscheinen. Die Erfolge vermittelten das Gefühl, in einer "i
...show allmmunisierten Gesellschaft" zu leben und mögliche zukünftige Risiken präventiv planend steuern zu können. Doch neue Infektionserkrankungen wie AIDS, SARS und Vogelgrippe erschütterten diese Gewissheit seit den 1990er Jahren immer wieder. Als Schattenseiten von wirtschaftlicher Prosperität, globalem Handel und Tourismus gelten Epidemien als unausweichliche Gefahren. Was bleibt, ist eine umfassende Vorbereitung. Nicht mehr Prävention, sondern "Preparedness" bestimmt zunehmend die Planungen für und den Umgang mit Pandemien. Aus interdisziplinärer Perspektive beleuchtet der Sammelband anhand konkreter Fallbeispiele Planungen für Pandemien und Maßnahmen der Prävention und "Preparedness" in Deutschland, den USA sowie auf Ebene der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im 20. und 21. Jahrhundert. Anders als klassische Darstellungen einzelner Infektionskrankheiten und Reaktionen auf diese setzt der Band an, bevor sich Pandemien manifestiert haben: bei der Prävention und der Vorbereitung auf den Pandemiefall. Im Zentrum stehen also pandemische Zukünfte.
Hunderttausende Deutsche leben vegan: Sie trinken keine Kuhmilch mehr und essen weder Butter noch Eier. Viele verzichten sogar komplett auf Tierprodukte. Der Veganismus ist derzeit einer der wichtigsten Ernähru
...show allngs-Trends. Aber er ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert gab es Leute, die sich aus gesundheitlichen und ethischen Gründen rein pflanzlich ernährten. Sie versuchten, möglichst viele von ihrer Lebensweise zu überzeugen, zum Wohl der Tiere und der Menschheit. Bald entstanden Ersatzprodukte: Milch aus Nüssen, Streichfett aus Pflanzenölen, Decken ohne Daunen. Das Wort "Veganismus" gab es damals noch nicht. Die frühen Veganer nannten sich "strenge Vegetarier" und wurden von anderen als "Gemüseheilige" belächelt. 1944, noch mitten im Zweiten Weltkrieg, erfand dann ein Grüppchen in England das Wort "vegan". Es dauerte Jahrzehnte, bis der Begriff im Deutschen geläufig wurde. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Veganer auch in der Bundesrepublik. Seit ein paar Jahren ist veganes Leben in manchen Großstadt-Vierteln ein regelrechter Hype. Der Band erzählt erstmals die lange Geschichte des Veganismus in Deutschland. Für alle, die Tierprodukte ganz oder teilweise meiden und mehr über ihre Vorgänger wissen wollen. Und für alle, die die vielen Veganer um sich herum besser verstehen wollen.
It was not until the 1850s that the average life expectancy in women began to rise noticeably in Germany and Europe. Up to the 1980s it increased in waves. Since then the gender gap has gradually decreased and
...show allsettled. For decades demographers, historians, medical researchers and health scientists have provided partial explanations for this phenomenon. This volume now presents a comparison of seven Central, Western and Northern European countries spanning one and a half centuries: some of the selected countries took part in both World Wars, others remained neutral; in some countries the rate of smoking varies, others have widely differing female occupation rates. As a result of this comparison, the varying effects of biological and socio-cultural influences on the gender gap and the reversal of this secular trend can be placed with much greater scientific precision than before. The volume also contributes to objectify the public debate on the gender gap and its implications for health policy.
Dieser Band umfasst die Beiträge von zwei Tagungen des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung zur Geschichte der Prävention. Die erste befasst sich mit der Nachfrage und Inanspruchnahme
...show allgesundheitserhaltender Maßnahmen und greift damit ein Thema auf, das - trotz Arbeiten zu Diskursen und Angeboten der Prävention - bisher nicht im Fokus der Forschung stand. Die zweite Tagung "Akteure, Praktiken und Instrumente: Geschichte der Prävention von Krankheiten und Unfällen seit der Weimarer Republik" zielte darauf ab, aktuelle Forschungsansätze aufzunehmen und fokussierte auf Praktiken. Die für die Publikation ausgewählten und überarbeiteten Beiträge wurden verschiedenen Themenfeldern zugeordnet: "Betrieb als 'setting'", "Geschlecht", "Alternative Medizin" und "Implementation öffentlicher Präventionsprogramme". Der Untersuchungszeitraum der zehn Beiträge aus der Bunderepublik und der Schweiz reicht von der Weimarer Republik bis in die Zeitgeschichte.
Im Ersten Weltkrieg kam es durch den Einsatz neuer Geschosse und das Kämpfen in Schützengräben zu unerwartet vielen Kopfschussverletzungen, auf die das Sanitätswesen nicht vorbereitet war. Dabei wirkten neben d
...show allen Schmerzen, den Beschwerden beim Kauen und dem Unvermögen zu sprechen die Entstellungen im Gesicht besonders demoralisierend und auch oftmals traumatisierend auf die Soldaten. Melanie Ruff stellt im ersten Teil der Arbeit die Handlungsräume der betroffenen Personen in den Vordergrund. Anhand eines breit gefächerten Quellenkorpus - Patientenakten, Selbstzeugnisse, Nachlässe von Ärzten, medizinische Fachliteratur und Fotografien - rekonstruiert sie das medizinische Wissen der Zeit, die Intentionen der Akteure, den Diskurs über die entstellten Gesichter, den Alltag in den Lazaretten, die Selbstbilder der Patienten während der Behandlung sowie die neu zu erlernenden Körperpraktiken: Sprechen, Mimik, Essen und Körperpflege. Von den konkreten Umgangsweisen Betroffener mit ihrer neuen Situation und den daraus folgenden Lebensentwürfen handelt der zweite Abschnitt. Die Männer suchten sehr individuelle Wege, mit den ihnen zugefügten Verletzungen und ihren Konsequenzen umzugehen. Dadurch ergibt sich ein erstaunlich heterogenes Bild über die längerfristigen Folgen der Verletzungen im Gesicht.
Hans-Joachim Winckelmann reflektiert in seinen Kolumnen, Kommentaren und Leitartikeln die gesellschaftlichen Ereignisse und gesundheitspolitischen Entscheidungen der 1980er bis 2000er Jahre. Er ist dabei kritis
...show allcher Zeitzeuge und vereint die Sicht des Historikers und Pharmazeuten in einer Person. Der Leser seiner Texte taucht regelrecht in die Zeit der Bonner Republik ein. Schließlich sind die 1990er Jahre von dem Ringen um eine gesamtdeutsche Gesundheitspolitik geprägt, in welcher die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen gestärkt wird und der Gedanke der Fürsorge nie aus dem Blick verloren gehen sollte. Florian Steger vereint in diesem Band Winckelmanns pointierte Schriften der letzten 40 Jahre, in denen er sich mit Themen auseinandersetzt, die in ihrer Aktualität bis in die Gegenwart hineinreichen. Die Sammlung stellt damit eine solide Basis dar, um sich mit aktuellen gesundheitspolitischen Fragen auseinanderzusetzen.
Männer achten zu wenig auf ihre Gesundheit. Gehen sie zum Arzt, zeigt sich, dass sie häufiger als Frauen an ernsthaften Erkrankungen leiden. Sind sie erst einmal krank, trägt ihr Verhalten oft nicht zu einer ra
...show allschen Genesung bei. Dies sind die Ergebnisse von neueren Untersuchungen der Gesundheitswissenschaften. Auf der Grundlage der Analyse von rund 7600 editierten Briefen, deren Verfasser dem Adel, den Mittel- und den Unterschichten zugehörig waren, geht die Autorin der Frage nach, ob Männer sich auch in der Vergangenheit so verhalten haben und welche Einflüsse ihr Verhalten bestimmten. Die Vorstellungen, die sie in der Zeit von 1800 bis 1950 mit Gesundheit verbanden, stehen hier ebenso im Mittelpunkt, wie die Praktiken, die sie anwandten, um ihre Gesundheit zu erhalten oder - im Falle einer Erkrankung - wieder herzustellen. Die Analyse berücksichtigt neben der sozialen Herkunft auch die Kategorien Alter und Familienstand.
Krankheitsverhütung und Gesundheitsvorsorge nahmen einen prominenten Platz in der DDR- Politik ein. Erklärtes Ziel der Regierung war es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen derart zu gestalten, dass sie sich "se
...show allgensreich" auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken sollten. Den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern wurde der Schutz ihrer Gesundheit sogar in der Verfassung garantiert. Doch inwiefern konnte der Staat seiner Fürsorgepflicht nachkommen und entsprechende Rahmenbedingungen und Strukturen für ein "gesundes Leben" schaffen? Und wie verhielt es sich im Gegenzug mit der persönlichen Verpflichtung des Einzelnen, selbst für seine Gesundheit Sorge zu tragen? Jenny Linek befasst sich aus alltagsgeschichtlicher Perspektive mit der Präventionspolitik der DDR und deren Implementierung. Anhand von Eingaben sowie Dokumenten der Gesundheitsverwaltung zeigt sie, wie die Bevölkerung die staatlichen Vorgaben für ein gesundheitsbewusstes Leben wahrgenommen und umgesetzt hat. Geschlechterspezifische Gesichtspunkte sind dabei von besonderer Relevanz. Durch die Arbeit mit Selbstzeugnissen fördert Linek Stimmen zutage, die den verordneten SED-Normen teilweise entgegenstanden oder von diesen verdrängt wurden und die bislang kaum Gehör fanden.
Das Trauma ist eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das zentrale hermeneutische Konzept, mittels dessen in Nordamerika und Westeuropa das Verhältnis zwischen Gewalterfahrungen, ihrer Verarbeitung in der Psyc
...show allhe und ihren psychischen und somatischen Folgeerscheinungen gedacht wird. Anne Freese untersucht den Wandel des psychischen Traumakonzeptes seit den 1960er Jahren von einer nebensächlichen zu einer gewichtigen Existenz im Spannungsfeld von Wissen, Praktiken und Subjekten. Sie erkundet, wie die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus dem amerikanischen in den deutschen Fachdiskurs übersetzt und hierzulande zu einer "wissenschaftlichen Tatsache" (Ludwik Fleck) wurde, die schlussendlich in ein neues, interdisziplinäres Forschungsfeld mündete. Hieran schließen sich bedeutsame Fragen an: Welche Identifikationsweisen legt der psychotraumatologische Fachdiskurs den Betroffenen nahe? Wie gehen diese mit dem Traumawissen um? Nicht zuletzt: Inwieweit lässt sich die posttraumatische Belastungsstörung auch als Gesellschaftsdiagnose des beginnenden 21. Jahrhunderts verstehen? Mit den Antworten auf diese Fragen liefert die Autorin zugleich einen medizin-, wissens- und kulturhistorischen Beitrag zur unmittelbaren Zeitgeschichte.
Kaum eine Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts wurde in den vergangenen 200 Jahren so einseitig rezipiert wie der Venezianer Giacomo Casanova (1725-1798). "Giacomo Casanova und die Medizin des 18. Jahrhunderts"
...show allbeleuchtet diesen außergewöhnlichen Menschen daher aus einem gänzlich neuen Blickwinkel vor dem Hintergrund der Lebens- und Geisteswelt des 18. Jahrhunderts: als einen versierten, an den medizinischen Entwicklungen seiner Zeit stets interessierten, aber auch überaus kritischen Patienten und Beobachter. Für diesen bisher größtenteils nicht bearbeiteten Themenkomplex zu Casanova und der Medizin seiner Zeit analysiert Sabine Herrmann neben allen bekannten schriftlichen Hinterlassenschaften auch den umfassenden, teilweise noch unpublizierten privaten Nachlass des Venezianers unter medizingeschichtlichen Aspekten.
Am 6. November 1958 verabschiedete der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit eine Novelle des noch aus dem Jahr 1927 stammenden Deutschen Lebensmittelgesetzes. Damit fand eine seit den 1930er Jahren andauernde
...show allDebatte ihren vorläufigen Abschluss, die durch das Schlagwort "Gift in der Nahrung" geprägt war und mit der Verbraucherbewegung einen neuen politischen Akteur in das politische System der Bundesrepublik einführte. Es ging dabei um mehr als eine längst überfällige Anpassung der Gesetzgebung an die Bedingungen der industriellen Lebensmittelproduktion. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde eine hochgradig politische Auseinandersetzung über die Chemisierung und Technisierung der modernen Welt geführt, die Risikopolitik und Präventionstechniken verband. In stetem Bezug auf den zivilisationskritischen Diskurs zur Vergiftung etablierte sich in der Bundesrepublik ein Gefüge der Verbraucherpolitik, das durch teils bekannte, teils neue soziale Akteure geprägt war, durch Lobbyisten, Reformer, Puristen, Experten, eifrige Ministerialbeamte, organisierte Konsumenten und die Aktivistinnen der Frauen- und Hausfrauenorganisationen.
Der Jenaer Zoologe Ernst Haeckel zählt zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten Naturwissenschaftlern des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Als begeisterter Anhänger Darwins arbeitete er a
...show alln der Weiterführung und Popularisierung der Evolutionstheorie und wurde damit zu einer Symbolfigur in den Weltanschauungskämpfen der Zeit. Der zweite Band der auf insgesamt 25 Bände angelegten historisch-kritischen Ausgabe dokumentiert mit der Familienkorrespondenz aus dem Zeitraum von August 1854 bis März 1857 die zweite Hälfte der Studienzeit Haeckels bis zu seiner Promotion in Berlin sowie die ersten größeren Reisen nach Helgoland (1854), in die Alpen (1855) und nach Nizza (1856). Während dieser Zeit wurde aus dem ungeliebten Studium der Medizin unter dem Einfluss von Johannes Müller, Albert von Kölliker und Rudolf Virchow ein mit größter Hingabe verfolgter Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis des organischen Lebens. Auf Helgoland entschied er sich endgültig für die Zoologie als Profession. Seine im Anschluss an die Würzburger Assistenzzeit bei Virchow ausgearbeitete Dissertation widmete er, angeregt von Kölliker, der mikroskopischen Anatomie.
In Geschichtsbüchern ist fast immer nur von Kriegen, Verträgen und diplomatischen Schachzügen zu lesen - wie das konkrete Leben der Zeitgenossen aussah, bleibt meist außen vor. Nicht so bei Manfred Vasold: Er b
...show alletrachtet die kleinen und großen Probleme des Alltags. Denn schon die einfachsten Beispiele, wie die Ausbreitung der Unterhose, zeigen die fundamentalen Umwälzungen auf, die die Neuzeit für die Menschen mit sich brachte. Von einer kurzen Geschichte des Rauchens über die Körpergröße bis hin zur Suizidrate in Deutschland nimmt Vasold den Leser mit in eine Zeit extremen Wandels, als die Industrielle Revolution ganz Europa zu verändern begann, Hunger noch allgegenwärtig war, Arbeit häufig krank machte und Säuglinge oft kein Jahr alt wurden. Und er zeigt, dass Revolutionen nicht nur Gesellschaften, sondern auch deren Gewohnheiten nachhaltig verändern können. Eine detailreiche Geschichte des Alltags in der Neuzeit: anschaulich, lebendig und doch wissenschaftlich präzise erzählt. Manfred Vasold führt uns eine Epoche vor Augen, die zunächst fremd erscheint und uns doch erstaunlich nahe ist.
Wie erfuhren psychisch kranke Männer, ihre Angehörigen und Ärzte seelisches Leiden im Kontext von Männlichkeit? Dieser Frage geht Christoph Schwamm für die Jahre 1948 bis 1993 nach, indem er zeitgenössische med
...show allizinische Fachliteratur und knapp 700 Patientenakten aus den psychiatrischen Universitätskliniken Heidelberg und Gießen auswertet. Dabei kommt Schwamm zu überraschenden Ergebnissen. Egal ob in Bezug auf Therapiebereitschaft, Selbstheilung oder die Beziehung zum sozialen Umfeld: Entgegen dem geläufigen Bild vom gefühlsfernen Patriarchen hätten zahlreiche Männer schon seit den 1950er Jahren gerne auf die vermeintlichen männlichen Privilegien verzichtet, die Ihnen den Zugang zu Hilfe erschwerten - und sie auf diese Weise sogar erst krank machen konnten. Diese Wünsche wurden jedoch in großen Teilen durch Eltern, Partner und Arbeitgeber konterkariert, deren Interessen durch eine repressive Psychiatrie gestützt wurden. Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf die gegenwärtige Diskussion um die Schädlichkeit männlichen Gesundheitsverhaltens ("Toxic Masculinity").
Der aus Bamberg stammende J. L. Schönlein zählt zu den profiliertesten deutschen Medizinern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als führender Vertreter der sogenannten Naturhistorischen Schule hat Schönlein
...show alldie deutsche Klinik durch Einführung naturwissenschaftlicher Methoden modernisiert. Große Bekanntheit hat er als Leibarzt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. erlangt. Schönlein hat sich aber nicht nur bleibende Verdienste als Arzt und akademischer Lehrer erworben, ebenso gewichtig war sein Einfluss als Hochschulpolitiker und Förderer der Wissenschaften. Anlässlich der Wiederkehr von Schönleins 150. Todestag werden in diesem Band insgesamt 151 Schönlein-Briefe präsentiert und erschlossen, die sein umfangreiches Schaffen und Wirken dokumentieren. Diese kritisch edierten Schreiben sind besonders wertvoll, da bislang kaum etwas über Schönleins ausgedehntes Korrespondenznetzwerk und seine Briefpartner bekannt ist. Die Briefe erschließen eine Vielzahl neuer Quellen und bieten damit einen Ausgangspunkt für weitere Forschungen.
Wann und warum gehen Männer zum Arzt? Auf der Basis einer Serie von Krankenjournalen eines Südtiroler Landarztes des 19. Jahrhunderts liefert Alois Unterkircher einen Beitrag zur Debatte um Gender Medicine und
...show allMännergesundheit. Die gegenwärtigen Benachteiligungs- und Defizitdiskurse zum geschlechtsspezifischen Krankheitsverhalten beleuchtet er ebenso in ihrer historischen Dimension wie die Pathologisierung des männlichen Geschlechtskörpers. Dabei begreift er "Männer" nicht als homogenen Block, sondern binnengeschlechtlich nach einzelnen Lebensabschnitten differenziert: Säuglinge, Kinder, Erwachsene in den verschiedenen Phasen der Erwerbstätigkeit und "Alte" werden in jeweils eigenständigen Kapiteln hinsichtlich ihrer spezifischen Erkrankungen, Bedürfnisse und Forderungen nach den Dienstleistungen eines Arztes im 19. Jahrhundert analysiert. Damit bricht Unterkircher gängige Forschungsmeinungen zum geschlechtsspezifischen Inanspruchnahmeverhalten medizinischer Hilfe auf und relativiert das vorherrschende Bild vom generellen "Desinteresse" der Männer an ihren kranken Körpern.
Im Blickfeld dieser Untersuchung liegt die Darstellung des Pflegealltags der Etappenschwestern und -pfleger sowie ihre in den Kriegslazaretten gemachten Wahrnehmungen und Erfahrungen. Die freiwilligen Kräfte sp
...show allielten eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Verletzten. Die Schwestern und Pfleger erlebten, zusammen mit den Ärzten und dem Sanitätspersonal, den Krieg aus allernächster Nähe dort, wo seine Auswirkungen am deutlichsten erkennbar waren. Ihre Mitteilungen in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen dokumentieren nicht nur unmittelbar den Lazarettalltag im Krieg, sondern bieten auch konkrete Einblicke in die Tätigkeiten der Pflege und damit verbunden in die Verantwortung, die bei den einzelnen Schwestern bzw. Pflegern lag.
Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Gesundheitsbereich verspricht besonders großen Nutzen durch eine bessere Versorgung sowie effizientere Abläufe und bietet damit letztlich auch ökonomische Vorteile. De
...show allm stehen unter anderem Befürchtungen entgegen, dass sich durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz das Arzt-Patienten-Verhältnis verändern könnte, Arbeitsplätze gefährdet seien oder die Ökonomisierung des Gesundheitswesens einen weiteren Schub erfahren könnte. Zuweilen wird die Debatte um diese Technologie, zumal in der Öffentlichkeit, emotional und fern sachlicher Argumente geführt. Die Autorinnen und Autoren untersuchen die Geschichte des KI-Einsatzes in der Medizin, deren öffentliche Wahrnehmung, Governance der KI, die Möglichkeiten und Grenzen der Technik sowie Einsatzgebiete, die bisher noch nicht oder nur wenig im Fokus der Aufmerksamkeit waren. Dabei erweist sich die KI als leistungsfähiges Werkzeug, das zahlreiche ethische und soziale Fragen aufwirft, die bei der Einführung anderer Technologien bereits gestellt wurden; allerdings gibt es auch neue Herausforderungen, denen sich Professionen, Politik und Gesellschaft stellen müssen.
Karrieren im Nationalsozialismus und in der Frühen Bundesrepublik geben bis heute immer wieder Anlass zu Diskussionen. Dies gilt auch für den angesehenen Internisten Ludwig Heilmeyer (1899-1969), der in der Bun
...show alldesrepublik vielfach für sein Lebenswerk gewürdigt wurde. Über seine Einstellung und sein Handeln im Nationalsozialismus sowie Heilmeyers Unterstützung von NS-Ärzten - gerade nach Kriegsende - wurde wenig gesprochen. In den letzten Jahren ändert sich dies: Die Städte Freiburg im Breisgau, Günzburg und Ulm benannten Straßen um, die Heilmeyers Namen trugen und in Jena wurde eine 1994 zu seinen Ehren gestiftete Gedenktafel abgehangen. Florian Steger und Jan Jeskow arbeiten das Leben, Schaffen und die Karriere von Ludwig Heilmeyer auf. War Heilmeyer überzeugter Fanatiker oder Mitläufer, Opportunist oder Widerstandskämpfer? Welche Konsequenzen zog er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für sich und sein Handeln? Die Autoren untersuchen auch die Lebenswege und politischen Beweggründe seiner Freunde, Kollegen und Bekannten. Gerade bei den für eine akademische Karriere so bedeutenden sozialen Netzwerken zeigt sich das besondere Talent von Ludwig Heilmeyer. Gleichzeitig wird vieles seiner Persönlichkeit deutlich.
Ist bereits in der Frühen Neuzeit eine Dichotomie der Geschlechter bezüglich ihrer Gesundheit erkennbar? Lässt sich ein spezifisch männlicher Gesundheitshabitus feststellen? Und wie entwickelte sich dieser zwis
...show allchen 1500 und 1850? Die Autorinnen und Autoren rekonstruieren das Verhältnis von Männlichkeit und Gesundheit in dieser Epoche und gehen nach einem großen Forschungsüberblick durch intersektionale Zugänge in Bezug auf Stand, Profession, Lebensalter, Religion, "Behinderung" und Sexualität der Frage nach einem besonderen männlichen Gesundheitsverhalten nach. Die Beiträge bieten eine quellenbasierte Analyse der je vorherrschenden Körperpraktiken und Wissensbestände von Bauern, Handwerkern, Söldnern, Offizieren, verarmten Städtern, Impotenten, verurteilten Mördern, Stummen, Zwergwüchsigen, Gelehrten, pietistischen Predigern, jüdischen Patienten, Adeligen und Karl VI.
The healthcare systems of Western States are characterised by complex structures and diverse activities. The authors investigate the conflicts of various professions within the medical market from a historical
...show allperspective, thereby reaching a better understanding of contemporary questions and problems concerning the field of medical care. The focus lies on analysing the establishment of non-physician health professions in their social framework as well as their profession-specific developments. The contributions outline and explore the conflicts within one professional group as well as those between different professional groups. This volume not only examines the history of nursing, but also the history of other non-physician professions such as midwives, diabetes advisors and paramedics. The authors are particularly interested in investigating which player had interpretational sovereignty on the medical market, the social prestige of different health professions, and the profession-specific practices.
Ethical issues are inherent in medicine. Morally appropriate forms of medical behaviour, the thorough communication of diagnosis and prognosis, and carefully evaluated treatment promising recovery have been amo
...show allng the standards of medical ethics down to the present day. The testimonies of a lively tradition, which since antiquity has contributed to the permanent critical reflection of medicine, constitute the cultural background of contemporary bioethics. They demonstrate how fertile the dialogue between medicine and philosophy on ethical questions can be. This also includes the critical examination of the objects, aims, methods and boundaries of the physicians profession and of medical research. These boundaries have had throughout history to be constantly renegotiated and defined, and not only in the 21st century. --- Eine Reflexion über die moralischen Fragen und Probleme, die die ärztliche Praxis begleiten, ist der Medizin immanent. Die sittlich angemessene ärztliche Haltung, die "gute" und hilfreiche Behandlung und das ärztliche Ethos stehen im Zentrum zahlreicher Schriften, die zwischen Humanismus und früher Neuzeit verfasst wurden. Es sind Zeugnisse einer lebhaften Tradition, die ununterbrochen seit der Antike zur Selbstvergewisserung der Medizin beigetragen hat. Zwischen Mittelalter und Humanismus sahen sich Mediziner den Herausforderungen des mannigfaltigen und lebhaften Heilkunde-Marktes ausgesetzt und dementsprechend verpflichtet, sich umso stärker zu behaupten. Die hier präsentierten Beiträge befassen sich mit der über sich selbst reflektierenden Medizin. Dazu gehören die kritische Auseinandersetzung mit Gegenstand, Ziel, Methoden und Grenzen des ärztlichen Berufes und der medizinischen Forschung. Diese mussten - nicht anders als heute - immer wieder neu definiert und verhandelt werden.
Medical Imaging plays a prominent role in contemporary medical research and practice. At the same time imaging in its broadest sense, including illustration, diagramming, model-making, photography and other for
...show allms of image rendering, has a long tradition in medicine. Imaging has served different purposes ranging from depicting to backing concepts or creating convincing evidence. Thus, imaging the human body has different aspects not only related to techniques or current interpretations of visual representations through medical imaging technologies. The way the human body was and is displayed in medicine also reflects a range of cultural, historical, artistic and scientific concerns.Therefore, the editors of this book organized an international interdisciplinary conference in 2010 to bring together perspectives on Medical Imaging from medicine, philosophy, history and arts. This book summarizes the results of this interdisciplinary conference including representative examples of what was presented and discussed. It offers stimulating papers addressing readers interested in the status of medical images and their interpretation by different disciplines.
Any exploration of plural medicine including the historical perspective needs to be aware of the conflict between regular and irregular healers which existed already in the pre-modern era, although distinctive
...show allfeatures such as scientific, alternative or traditional which are so familiar to us today did not yet play a role. In the early modern period we observe a complex array of heterogeneous medical ideas and practices which has not much in common with the kind of pluralism or plurality which we can find in modern health care systems in Europe and non-western countries (e.g. India, Japan). Comparing the medical market place in pre-modern, 19th, and early 20th-century Western Europe with the present situation in health care, this book deals with the historical development as well as with the present state of medical pluralism in and outside Europe. The studies come up with data and evidence from a variety of sources, suggesting that unconventional medicine has been a persistent presence in health care over the past two to four hundred years. The contributors were drawn from different academic disciplines such as medical history, medicine, sociology, and anthropology.
Medical Pluralism is by now recognized as a reality in many countries. Studies, however, bringing together anthropologists and historians working on this subject are still rare. A comparative view on Germany an
...show alld India with their different patterns of institutionalisation of medical pluralism is particularly rewarding. This volume focuses on practices starting with the story of a Transsylvanian lay healer who functioned in Lahore as a cultural broker. Indigenising of homoeopathy in Bengal shows a particular mode of appropriation. Patients and their choices are considered for the late 19th and late 20th century Germany and in present day India. In addition to the practices of lay healers as health care providers in Bengal and in Indian slums, independent General Practitioners and physicians working in the public health care system are analysed too. A case study of an Indian hospital shows a pragmatic way to introduce medical pluralism into a modern "allopathic" institution. The political debate on medical pluralism e.g. in the German Reichstag in the beginning of the 20th century is also one of the topics. The book concludes with a theoretical reflection on the concept of medical pluralism.
Ein homöopathischer Laienverein ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für eine Alternative zur Schulmedizin entschieden haben. Das Anliegen ihrer Mitglieder ist es, sich durch den Austausch von Erfahru
...show allngen gegenseitig zu unterstützen. Mit diesem Ziel wurden viele, zum Teil noch heute existierende Vereine bereits Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Sie tragen seitdem maßgeblich zur Popularisierung der homöopathischen Heilmethode bei. Um Mitglieder zu werben, bieten die Vereine bis heute ein vielfältiges Programm: Sie veranstalten Vorträge über häufig auftretende Krankheiten und Gesundheitsbeschwerden und laden zu Koch- und früher auch Gymnastikkursen ein. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verliehen die Vereine zudem Bücher und Zeitschriften, Fieberthermometer, Sitzbadewannen oder Klistiers an ihre Mitglieder - viele von ihnen unterhielten sogar eine eigene Apotheke. Daniel Walther zeichnet die Entwicklung dieser Laienbewegung in Deutschland von 1870 bis 2013 nach und zeigt, dass sie von politischen und gesellschaftlichen Prozessen ebenso erfasst und geprägt wurde wie von der zunehmenden medizinischen Bedeutung präventiver Maßnahmen.
Jenseits von ärztlichen Rezepten, dem pharmazeutischen Verkaufssortiment der Apotheken und den Angeboten staatlich anerkannter Heilpraktiker gab und gibt es ein breites Angebot an "Bückware" pharmazeutischer Ar
...show allt: Potenzpillen, Abmagerungskuren, Einreibemittel gegen Zipperlein oder Haarwuchsmittel. Sie alle wurden und werden genutzt, weil die Käufer den staatlich legitimierten Anbietern medizinischer Dienstleistungen misstrauen. Viele unter der Hand angebotene Produkte sind von zweifelhafter Qualität und Nutzen, daher bemühten sich schon um 1900 Ärzte, den Anbietern die Klienten zu entziehen. Aufgrund einer diffusen Gesetzeslage blühte der medikale Schwarzmarkt in den ersten Jahren nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland richtig auf. Für seine wirkungsvolle Bekämpfung war es längst zu spät, und doch fällt gerade in diese Jahre die Gründung einer "Zentrale zur Bekämpfung der Unlauterkeit im Heilgewerbe" (ZBUH), die den Kampf gegen die medikale Subkultur und zur Rückgewinnung des Vertrauens der Patientenschaft aufnahm. Mit diesem Band zeigt Florian Mildenberger, warum die Patienten abwander(te)n und weshalb die Geschichtsschreibung diesen Teil des täglichen Lebens bisher gänzlich aussparte.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Meditation hat entscheidend dazu beigetragen, dass sie als bewusstseinsverändernde Übungspraxis einen dominanten Stellenwert im Kanon der Verfahren zur systematischen Int
...show allrospektion und Vertiefung der Selbsterkenntnis errungen hat. Die wissenschaftlichen Erforschung zeigte, dass vor allem die dem Buddhismus entstammenden Meditationsweisen an biologisch verankerte mentale Prozesse anknüpfen, einen Sitz im Leben haben und mit ihren Übungsvorschriften sehr verhaltensbezogen vorgehen. Dies erlaubt eine Transformation und Einbettung der meditativen Verfahren und ihrer Übungselemente in Konzepte der modernen Psychologie und Hirnforschung. Wie die neurowissenschaftlichen Befunde zeigen, sind es hauptsächlich Prozesse der Aufmerksamkeitsmodulation und Emotionsregulation, die durch diese Verfahren in Gang gesetzt werden. Die wissenschaftliche Fundierung hat außerdem im vergangenen Jahrzehnt wesentlich dazu beigetragen, dass sich Meditationstechniken heute einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz erfreuen als zuvor und Eingang in die klinisch-psychologische Versorgung von Patienten mit verschiedenen Störungen und Erkrankungen gefunden haben.
Die Novelle der Ärztlichen Approbationsordnung von 2002 sah für das Medizinstudium die curriculare Etablierung der Medizinethik zusammen mit der Medizingeschichte und der Medizintheorie in einem Querschnittsfac
...show allh vor. Die Schaffung dieser Trinität war jedoch nicht unumstritten. Blickt man heute auf die Debatte zurück, so ist festzustellen, dass sich mittlerweile mit dem "Dreigestirn" von Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) ein Fachzuschnitt und eine Fachkultur formiert hat, wie es sie zu Beginn der Debatte so noch nicht gegeben hatte. Dieser Band schließt vor diesem Hintergrund an die bisherigen Reflexionen an, bietet eine aktuelle Standortbestimmung von GTE und erhellt die Perspektiven dieses Querschnittsfaches. Die hier zusammengestellten Aufsätze fassen die Ergebnisse einer Tagung zusammen, die bewusst offen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein Forum gab, Forschungsergebnisse und -perspektiven aus allen drei Teilgebieten zu präsentieren. Anlass war die Neugründung des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin sowie des Zentrums Medizin und Gesellschaft der Universität Ulm.
Über kaum ein Thema wird in den Medien so häufig berichtet wie über Ernährung - ob es nun die Gefahren falscher Essgewohnheiten sind oder Ratschläge, wie man sein Körpergewicht durch Diät reduzieren kann. Gegen
...show allwärtig besonders intensiv diskutiert wird die Rolle des Geschlechts bei der Ernährung. Eine Debatte, die durchaus historische Vorläufer kennt. Ihnen gehen die Aufsätze dieses Bandes auf den Grund. In der sozialgeschichtlichen Sektion leistet Anja Waller darüber hinaus einen Beitrag zur Geschichte eines wenig bekannten Berufes, den der Wochenbettpflegerin. Die zweite Sektion des Jahrbuchs, die traditionsgemäß Aufsätzen zur Geschichte der Homöopathie und alternativer Heilweisen vorbehalten ist, enthält zwei Beiträge. Christoph Friedrich und Ulrich Meyer präsentieren in ihrem Aufsatz zum Firmengründer Dr. Willmar Schwabe neue Quellenfunde zu Leben und Werk des bedeutenden Leipziger Apothekers. Silvia Waisse zeichnet die Professionalisierungsgeschichte der Homöopathie in Argentinien nach - einem Land, in dem diese Heilweise auch heute noch eine große Rolle spielt.
Die Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs konzentrieren sich auf die jüngere Geschichte: Nina Grabe untersucht die Entwicklung jüdischer Altersheime in der Nachkriegszeit. Dem historischen Zusammenhang von Arbei
...show allt, Geschlecht und Lebenserwartung widmet sich Martin Dinges. Sebastian Wenger beleuchtet den Umgang mit gehörlosen Jugendlichen in der Paulinenpflege Winnenden. Christine Hartig analysiert Medikamentenversuche in Niedersachsen in den 1950er bis 1970er Jahren und Timo Bonengel erörtert die Entwicklung von Suchttherapien in den USA. Karl-Heinz Reuband schließlich befasst sich mit dem Verhalten der Bevölkerung während der EHEC-Pandemie von 2011. Der zweite Teil umfasst Beiträge zur Geschichte komplementärer Heilweisen und des Pluralismus in der Medizin. Motzi Eklöf beschreibt die Geschichte des von Per Olof Zetterling gestifteten Legats, um Vorlesungen über die Homöopathie an der Universität von Uppsala zu fördern. Alice Kuzniar verdeutlicht die Verbindung zwischen Literatur und Homöopathie, indem sie den Einfluss von Bönninghausens Methodik auf die Gedichte Annette von Droste-Hülshoffs analysiert. Die Nutzung und Akzeptanz von Komplementärmedizin untersucht Andreas Weigl anhand der Meinungsforschung.
Vorgestellt werden die Gedanken Philos von Alexandrien über Gesundheit und Krankheit sowie über die Möglichkeiten und Grenzen der ärztlichen Kunst. Es folgt ein Beitrag über die Sexualität von Soldaten in der F
...show allorschung zum Ersten Weltkrieg. Die Konfession im Berliner Krankenhausbau während der Weimarer Republik wird erörtert und ebenso wird sich mit Max Bürger befasst wie auch mit den Unterschieden in der Krankenpflegeausbildung der DDR und der BRD. Beiträge zur Homöopathie und alternativer Heilweisen sind ebenfalls enthalten.
Diese Medizinethik ist aus der Zusammenschau zweier Perspektiven entstanden: aus der Praxis der Medizin und aus der philosophischen Theorie der Medizinethik als angewandter praktischer Philosophie. Hintergrund
...show allfür die ethische Bewertung ist eine situationsangemessene flexible Methodik auf der Basis einer leiblich-personal orientierten Anthropologie, die aktuelle biologische, medizinische, neurologisch-psychologische Kenntnisse in ein umfassendes Konzept der Patientenautonomie integriert.
Hippokrates oder Lenin - in welchem Verhältnis standen Medizin und Moral in der DDR? Die Autoren dieses Bandes blicken hinter die Fassade einer Gesundheitspolitik, die bis heute häufig als Erfolgsgeschichte gil
...show allt. Tatsächlich stand die medizinische Versorgung in den 1980er Jahren vor dem Abgrund, war der Staat hilflos angesichts umfassender Mängel. Dazu kam der ethische Bankrott mancher Akteure - nicht wenige Ärzte und sogar Medizinethiker dienten der DDR als Spitzel. Anhand von Archivalien, u.a. aus dem Ministerium für Staatssicherheit, zeigen die hier versammelten Beiträge, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften: Sei es am Beispiel des (Fehl-)Verhaltens einzelner Schlüsselfiguren, durch den kritischen Blick auf die Praxis der Humanexperimente oder den Skandal der Hepatitis-Infektionen. Ein Anhang führt Schlüsseldokumente zur Biopolitik der DDR auf, von Schwangerschafts- und Transplantationsrecht bis hin zu Bestimmungen zur Forschung am Menschen. Der Band leistet damit einen wichtigen Beitrag sowohl zur Geschichte der Medizinethik als auch zur DDR-Historiographie.